THE ART OF LYDIA ROSATI Arbeiten in Öl, Acryl, Aquarell, Mischtechnik sowie Collagen ERÖFFNUNG HEART STORIES

19.8.2006
Dr. Thomas Becker, Archivleiter der Uni Bonn, Historiker

Liebe Lydia, verehrte Gäste!

Es ist mir eine Ehre und Freude, heute hier zu stehen und zur Eröffnung dieses schönen Raumes
ein paar Worte an Sie alle richten zu dürfen. Ob ich dem auch gerecht werden kann, müssen Sie
beurteilen, denn Wissenschaftler haben einen anderen Blick auf die Welt als Künstler. In der
Wissenschaft hat man es mit Fakten zu tun, man stellt Theorien auf und teilt die Welt in Wissns-
gebiete auf; in der Kunst hat man es mit Gefühlen zu tun, man verwebt die Äußerungen der Welt
zu einem Ganzen, das sich nicht aufteilen, sondern nur ganzheitlich erleben läßt. Und zu solchen
Erlebnissen sind wir heute hier.
Wann eigentlich der Mensch zum Menschen wurde, wann er sich im Verlauf der Evolution vom
Tier abhob, darüber können Wissenschaftler lange streiten. Für die einen ist der Gebrauch von
Werkzeugen der entscheidende Moment - aber das können Schimpansen auch. Andere wieder
sehen die Geburtsstunde der Menschen im Sex, in dem Moment also, in dem Lust als für sich selbst
stehende Erfahrung von der bloßen triebhaften Reproduktion der eigenen Art getrennt wurde. Aber
die Bonobo-Schimpansen können das auch und vielleicht sogar noch viel besser als wir Menschen.
Ich selber sehe - man wird es mir nicht verdenken - das Kochen als das eigentlich unterscheidende
Merkmal zwischen Tier und Mensch an.
Wodurch aber der Mensch der Vorzeit in die Geschichte eintrat, das läßt sich eindeutig bestimmen:
DURCH DIE KUNST nämlich. In dem Moment, in dem zum ersten Mal Menschen anfingen, sich
selbst und ihre Umwelt auf Gegenständen, Tafeln oder Höhlenwänden abzubilden, wurde aus ihrer
bloßen Existenz Geschichte. Vom Menschen als geschichtlichem Wesen läßt sich die Kunst also gar
nicht trennen; sie war immer schon da, seit der Mensch begann, sein Dasein nicht einfach nur
hinzunehmen, sondern sein Leben in Bildern einzufangen und zu bewahren. Und das ist der größte
Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft: Wissenschaftler beschreiben das Leben, sie
analysieren und kategorisieren es, Künstler fangen es ein und erhalten es so in ihren Werken. Kunst
ist eingefangenes Leben. Kunst IST Leben. Ein Leben ohne Wissenschaft ist traurig aber denkbar,
ein Leben ohne Kunst ist gar kein Leben mehr. Kunst also bereichert uns, macht uns erst ganz zum
Menschen, Kunst gibt uns zum Leben unverzichtbare Elemente hinzu. Daher kann eine Gesellschaft
auf Künstler nicht verzichten, die ihr die Anregungen und Empfindungen geben, die sie dringend
braucht. Es ist eine Schande, wie wenig unsere Gesellschaft das ihren Künstlern dankt, die gemessen
am Durchschnittseinkommen zu den am schlechtesten bezahlten Berufen überhaupt gehören.

Kunst kann aber - auch hier anders als Wissenschaft - nicht in abstrakten Räumen gedeihen. Sie
braucht das Leben, um es einzufangen. Keine Herzgeschichten ohne liebende, leidende Herzen,
keine stimmungsvollen Orientbilder ohne Orienterfahrung, kein südländischen Farben ohne echte
südländische Lebenserfahrung. Kunst braucht das Leben, weil Kunst das Leben abbildet. Aber
gleichzeitig transzendiert Kunst das Leben auch. Kunst übrsteigt die Wirklichkeit des Lebens und
sucht nach einer ganzheitlichen, bisweilen kosmischen Deutung. Sie hat also - etwas altertümlich
gesprochen - den Hang zum Himmlischen, den Drang über den einzelnen Menschen hinaus auf
etwas Höheres zu deuten. - Und daher haben wir Dir für Deine Einweihungsfeier heute einen
kleinen Engel mitgebracht...
Kunst, die über sich hinausdeutet, die nach Höherem strebt, die sich allein dem Überirdischen
hingibt, ist erhebend, ist bedeutsam - und ist langweilig! Denn Kunst darf nicht allein nach Trans-
zendenz des Irdischen streben, sondern sie muß irdisch, vielleicht manchmal sogar ein wenig teuflisch
sein (Bild Mephisto). Und daher haben wir Dir auch ein kleines Teufelchen mitgebracht....

Nun sind Irdisches und Überirdisches, Engelchen und Teufelchen in diesem Raum beisammen. Und
so kann hier Kunst werden, wenn - ja weil hier auch Leben ist. Daher wünsche ich Dir in diesen
Räumen stets viel Leben, damit du daraus das Schöpfen kannst, was uns alle so bereichert - Deine Kunst.
(Fotos unter Fotoreportagen - Heart Stories)

Fotos von: Monika Baumann, Johanna Bringmann, Heide Lippel und Lara Diers Zurück zur Startseite