THE ART OF LYDIA ROSATI Arbeiten in Öl, Acryl, Aquarell, Mischtechnik sowie Collagen Episoden

Lydia Mattar als Fünfjährige mit ihrer Großtante Prof. Dr. Klara-Marie Faßbinder Angelegtes unvollendetes Ölportrait von Gustav Mattar Es gibt mehrere Gründe dafür, warum ich gerade dieses Bild meines Vaters so sehr liebe. Wer "Tante Ki" kannte, wird sich an das an ihr so oft gesehene suffisante, liebevolle aber auch ein wenig spöttische Lächeln erinnern. An mir sehe ich den fragenden, durchdringenden, kritischen aber auch bewundernden Blick, der mir, wie damals der Fünfjährigen, auch heute noch zu eigen ist. In seiner Gesamtheit vermittelt das Bild die beschützende Geborgenheit einer glücklichen Kindheit, die ich nicht nur bei meinen Eltern, sondern auch sehr oft in meinem Großeltern- haus erleben durfte, in dem auch Tante Ki, die Schwester meiner Großmutter zu Hause war. In besonderem Maße fasziniert mich gerade das unfertige Bild, läßt es mich doch erahnen, wie wunderschön es sein könnte, und es gewährt mir gleichzeitig den Blick auf das Darunterliegende, auf die genau ausgerechnete Einteilung des Bildes, auf die Wahl der Untergrundfarben und die Sicht auf jeden einzeln geführten Pinselstrich. So kann ich mir immer wieder vorstellen, welcher Schritt als nächstes käme, und meinen Vater das Gemälde in Gedanken vollenden lassen. Tante Kis Pralinen Die innige Verbundenheit, die das Gemälde meines Vaters vermittelt, wurde empfindlich gestört durch die Rationierung der Pralinen, die meiner Großtante auf ihren zahlreichen Reisen geschenkt wurden. Die meisten Menschen kannten sie als Frau Prof. Dr. Klara-Marie Faßbinder, auch spöttisch sowie liebevoll das "Friedensklärchen" genannt. Für meine Cousine Dagmar und mich war sie Tante Ki und wurde ständiges Opfer unserer kindlichen Streiche. Wenn uns gar nichts mehr einfiel, was wir wohl im Großelternhaus spielen könnten, hieß es: "Komm, wir gehen Tante Ki ärgern". Wir versteckten einzelne Seiten ihrer Manuskripte, ihre Brille, die sie fast immer suchte, Briefmarken oder die Farbbänder ihrer Schreibmaschine. Warum wir das taten? Die kinderlose, unverheiratete Tante Ki (ihre grosse Liebe wurde erschossen), wohnte im Großelternhaus. In ihrem Arbeitszimmer stand neben den Bücherregalen, die bis zur Zimmerdecke reichten, ein verschlossener Bücherschrank, in dem sich ein Schatz verbarg. Durch die Glasscheiben der Türe sah man über den Büchern liegend luxuriöse Pralinenschachteln, die sie von hochgestellten Persönlichkeiten geschenkt bekam. Nichts erschien meiner Cousine und mir erstrebenswerter, als eine dieser köstlichen Pralinen zu erhalten. Die frei zugängige Bonbonniere unserer innigst geliebten Großmutter, die für die zehnköpfige Enkelschar stets gefüllt war, verblasste völligst angesichts dieses Schatzes, den man sich verdienen musste. Die Tür öffnete sich als Belohnung nur nach Botengängen zur Post, Sortieren von Briefen nach Grösse, Aus- schneiden von seltenen Briefmarken, Leeren des Papierkorbes oder ähnlichen Aufgaben. Holte Tante Ki dann endlich einmal wieder ihren Schlüssel aus dem Regal (auch unter Zuhilfenahme eines Stuhles war dieses Fach für uns unerreichbar), schloss mit verheissungsvoller Miene den Schrank auf, entnahm langsam die wunderschöne Schachtel und öffnete sie, begann nun die Qual der Wahl. Jeder durfte natürlich nur eine Praline auswählen. Woher aber sollte man nur wissen, welche die leckerste war? Diejenigen die Alkohol enthielten, also eklig schmeckten, erkannten wir an der Form oder dem goldenen Papier. Aber es gab da eben noch andere die überhaupt nicht schmeckten, ein paar die mittelprächtig waren und eben die, für die sich die ganze Arbeit und das Warten lohnten. Ein Umtausch bei falscher Wahl war in jedem Fall ausgeschlossen. Also betrachteten wir den Inhalt der Schachtel jedesmal äusserst genau und versuchten uns an die Formen missglückter Griffe zu erinnern. Wir waren fest davon überzeugt, daß Tante Ki genau wußte, welche Praline wir nehmen müßten, dies aber für sich behielt. Ein paar Tipps gab sie zwar hin und wieder, aber konnte man sich darauf wirklich verlassen? Kurzum, es war jedesmal wieder ein spannendes Abenteuer! Welche Verzückung auf unseren Gesichtern, wenn wir die richtige Wahl getroffen hatten!! Hatten wir Pech, so gab es ja wenigstens als Trost die Bonbonniere, die den Bücherschrank- schatz allerdings in diesen Momenten der Enttäuschung natürlich nicht ersetzen konnte. Noch heute zählen erlesene Pralinen zu meinen absoluten Lieblingssüssigkeiten, und wenn ich mir mal wieder eine reiche Auswahl gönne, denke ich sehr oft an die Erlebnisse im Haus meiner Großeltern zurück und schmunzle über Tante Kis Versuch uns Nachkriegs- wohlstandskinder zur Sparsamkeit zu erziehen. Heute nun, gut 45 Jahre später, schaue ich wieder mit dem gleichen respektvollen Blick der Fünfjährigen (den mein Vater so wunderbar wiedergegeben hat) auf meine nun schon so lange verstorbene Tante Ki. Sie war sparsam bis geizig, um dort geben zu können, wo sie es für sinnvoll hielt, wo echte Not erkennbar war. Ihr Kampf für den Frieden bestimmte ihr Denken und Handeln. Wunderschön wird sie in dem Geleitwort zu ihrem Buch Wolga! Wolga!, das mein Vater illustrierte, und das helfen sollte die russische Seele zu verstehen, charakterisiert: „Dem Buche ist nicht mit literarischen Maßstäben beizukommen. Es ist ein Dokument dieser Zeit; es sind die Beobachtungen, Schlüsse, Darlegungen eines bekennenden Menschen, dem es um das, was wir "Wahrheit" heißen geht, weil Lüge und noch mehr alles Halbwahre die Atmosphäre vergiftet, das Atmen erschwert und die Keime des Friedens tötet. Und um den Frieden auf Erden geht es ihr, dieser Klara-Marie Fassbinder. Nicht um einen faulen Frieden, einen neuen Geist, der die Entfaltung des Menschen erst möglich macht. Eine Wahrheitssucherin, eine Bekennerin, die - mag sie im Herzen gesammelte Stille tragen - doch tapfer und unentwegt tätig sein muß für's als Recht-Erkannte. Die erst im Grabe zur Ruhe kommt. Ewig unterwegs, auf Konferenzen, Kongressen, Menschen suchend, fragend bis auf den Grund. Wer Klara-Marie Fassbinders Lebensrhythmus erfuhr, begreift, daß der gefeilte Stil dabei kaum gedeiht. Sie schreibt, wie sie spricht, sie spricht wie sie lebt-, und sie lebt als Kämpferin für den Frieden." Ich bin ganz sicher, daß meine Tante Ki mir für die Teilnahme an dem Projekt "Vereinte Kunst gegen Not" mit einem Schmunzeln auf den Lippen eine Extra-Praline geschenkt hätte. Zurück zur Startseite